Synoptische Vorhersage

SYNOPTISCHE  ÜBERSICHT   K U R Z F R I S T
ausgegeben am Donnerstag, den 03.12.2020 um 08 UTC

GWL und markante Wettererscheinungen: GWL: TrW (Trog Westeuropa)

Heute und in den nächsten Tagen/Nächten leicht winterlich mit Niederschlägen jeglicher Phase, aber auch ruhigen und trockenen Zonen. In den Alpen am Freitag Föhnsturm.

Synoptische Entwicklung bis Samstag 24 UTC

Donnerstag... Auf den ersten Blick entpuppt sich die aktuelle Großwetterlage als scheinbar übersichtlich und vergleichsweise statisch: im Westen, also über dem nahen Ostatlantik ein hochreichender Tief respektive Trogkomplex (VIRPY), im Osten, also über Russland ein kräftiges Hoch (XAVIER). Macht bei uns unter dem Strich eine südliche, ageostrophisch südöstliche Strömungskomponente, die uns jeweils etwas modifiziert wohl für einige Tage begleiten wird. Schaut man nach dem ersten Kaffee (obwohl der Verfasser diesen verabscheut und einen Grün oder Schwarztee bevorzugt) noch mal etwas genauer auf die Wetterkarte, erkennt man, dass die Lage im Detail doch nicht so simpel gestrickt ist. So findet man z.B. über Mitteleuropa ein zweiter, weit nach Süden reichender Höhentrog, auf dessen Vorderseite gerade ein kleiner Sekundärtrog über den Vorhersageraum nach Norden gesteuert wird. Er brachte bzw. bringt heute früh dem äußersten Südosten, am Vormittag dann dem äußersten Osten etwas Schneefall (um oder etwas über 1 cm), bevor er zum Nachmittag hin über die Uckermark nach Norden abzieht. Sehr interessant ist auch die Entwicklung in den nächsten Stunden in und um den Haupttrog westlich von uns. Dieser weitet sich nämlich immer weiter nach Süden in Richtung Iberische Halbinsel aus, wobei seine Kontur an Schärfe gewinnt und sich an seinem Südteil eine ausgesprochen markante diffluente Vorderseite etabliert. Während das ursprünglich korrespondierende Bodentief heute früh unweit der Färöers gelegen auf seinem Weg gen Nordirland an Substanz einbüßt, bildet sich über England ein zweiter Tiefkern. Und als ob das nicht schon reichen würde, läuft ab Mittag knapp westlich der Bretagne eine flache Welle in die Trogspitze, die sich ab den Abendstunden dann auf der entwicklungsgünstigen Vorderseite zu einem kleinen Sturmtief entwickelt. Am Ende des Tages dürfen wir ein veritables Doppeltief mit rund 975 hPa Kerndruck auf der Wetterkarte begrüßen, bei dem der südliche Kern die Normandie, der nördliche Kern die Doggerbank ansteuert. Ja und was bedeutet das Ganze nun für uns? Im Westen und Nordwesten kommt es tagsüber zu leichten Niederschlägen, die auf eine schleifende teilokkludierte Kaltfront zurückgehen. Sie gehört zum o.e. Tiefkomplex über dem nahen Ostatlantik und aufgrund ihrer quasiströmungsparallelen Exposition nur geringfügig zur Progression. Auch etwas weiter östlich, als schon abgesetzt von der Front, wird etwas Hebung generiert, so dass aus der hochnebelartigen Bewölkung (unterhalb einer Inversion bei rund 850 hPa, höchstens 800 hPa) etwas Nieselregen oder Schneegriesel fällt. In der vergangenen Nacht und auch noch aktuell bis in den Vormittag hinein war und ist das z.T. ein Problem, weil die Temperaturen (Luft und/oder Belag) unter dem Gefrierpunkt liegen und es entsprechend glatt sein kann. Mit zunehmender Tageslänge und einhergehender Milderung (diffuse Strahlung + leichte WLA) entspannt sich die Glättesituation abgesehen vielleicht von ein paar wenigen orografischen Kältelöchern sowie einigen wenig befahrenen Hochlagen. Im Süden und später auch im Osten lockert die Wolkendecke zum Teil mit orografischer Unterstützung (Leeeffekte bei südöstlicher Anströmung) gebietsweise auf. Die Temperatur steigt in der zunehmend durchmischten erwärmten Meereskaltluft (T850 um 2°C) zwischen Nordsee und Kölner Bucht sowie am Oberrhein auf 5 bis 8°C, sonst auf 0 bis 5°C, im Südosten sowie in einigen Mittelgebirgen herrscht leichter Dauerfrost. Durch kontinuierliche Gradientverschärfung und den Tagesgang lebt der südöstliche Wind mehr oder weniger auf, was über und an der Nordsee sowie in exponierten Hochlagen am spürbarsten ist. Dort werden Böen 7 Bft, zunehmend auch 8 Bft, auf dem Brocken 9 Bft erwartet. Zum Abend hin könnte es im Westen auch weiter unten (vor allem Leelagen) für erste 7erBöen reichen. An der Ostsee frischt der Wind ebenfalls auf, durch die ablandige Komponente wird aber am ehesten die Küste SHs von einigen Böen 7 Bft traktiert.

In der Nacht zum Freitag verschärft sich der Gradient aus den o.e. Gründen weiter, wodurch auch der Südostwind insbesondere nach Westen hin noch etwas zulegt. Auf den Bergen bedeutet das Böen 89 Bft, auf dem Brocken 10 Bft. In den Alpen braut sich eine Südföhnlage zusammen (auf den Spitzen zunehmend 910 Bft, vereinzelt 11 Bft, in exponierten Tälern 78 Bft) und auch die Nordsee gibt sich stürmisch. Auf Helgoland ist dabei sogar mal ´ne glatte 9 Bft denkbar, während an der Küste selbst die ablandige Windkomponente dämpfend wirkt. Windwarnungen werden sicherlich auch für einige Tieflagen Westdeutschlands fällig, vornehmlich aber nicht ausschließlich in Leelagen. Gegen Morgen sind sogar ein paar 8erBöen denkbar. Darüber hinaus kommt in Ostsachsen so ganz allmählich der Böhmische Wind in Fahrt. Zweiter neuralgischer Punkt neben dem Wind ist der Niederschlag, der mit leichter Progression der Front sowie zunehmend dynamischer Unterstützung (PVA + WLA) nicht nur stärker wird, sondern sich auch etwas weiter nach Osten verlagert. Wie weit genau, steht noch nicht endgültig fest, aber bis Hessen allemal, vielleicht sogar bis ins östliche NDS sowie Westthüringen und Unterfranken. Auf alle Fälle können wieder nahezu alle denkbaren Phasen dabei sein (Hagel nehmen wir mal aus), von Regen über Schnee bis hin zum gefrierendem Regen oder Eiskörner. Gefrierender Regen ist vor allem am Ostrand des Niederschlagsgebietes ein Thema, wo in den Temps etwa zwischen 925 und 850 hPa (+/) eine warme Nase gegeben ist, die auch nicht zwingend weggekühlt wird. Außerdem gilt, je weiter im Osten, desto wahrscheinlicher sind Kältelöcher mit negativen Temperaturen (Luft und Belag). Weiter im Westen ist der Regen eher unproblematisch und die Schneefallgrenze steigt bis in die Hochlagen der Mittelgebirge. Grob in der Osthälfte bleibt es weitgehend niederschlagsfrei, wobei es teils bedeckt, teils aufgelockert ist. Nebel bildet sich stellenweise am ehesten im Südosten. Dort, also im Südosten Bayerns wird die Nacht auch kältesten mit gebietsweise 5 bis 9°C (mäßiger Frost), aber auch sonst steht mit Ausnahme West und Nordwestdeutschlands verbreitet Frost auf der Karte.

Freitag... verbleibt der Vorhersageraum auf der Vorderseite des sich weiter amplifizierenden Höhentrogs mit Drehzentrum über dem Süden UKs. Ein kleiner Sekundärtrog schwenkt dabei von Nordfrankreich kommend via Benelux zu Nordsee, wodurch die Front noch einen kleinen Tick nach Osten vorankommt. Rückseitig wird nach wie vor erwärmte Meereskaltluft (T850 etwas unter 0°C) herangeführt, während präfrontal zumindest niedertroposphärisch wärmere Luft (1 bis 5°C, im Süden durch Föhn bis 7°C) advehiert wird. Das Doppeltief dreht sich gegen den Uhrzeigersinn um eine gemeinsame Achse, was den südlichen Kern (der mehr und mehr zum östlichen wird) zum Abend hin gen Doggerbank bringt, während der andere Kern auf die Irische See zusteuert. Mit dem "Weglaufen" des Sekundärtroges verliert die Front ihren dynamischen Support, so dass die Niederschläge sukzessive schwächer werden und sich natürlich auch mit Unterstützung des Tagesgangs somit auch die Glättesituation entspannt. Vor allem im Südwesten und in der Mitte fällt aber noch längere Zeit Regen und Schnee, anfangs stellenweise noch mit Glatteis. Die Schneefallgrenze sinkt dabei auf 800 bis 600 m, was insbesondere dem Südschwarzwald einige Zentimeter Neuschnee bescheren könnte. Im Südosten und Osten lockert die Wolkendecke teils lee bzw. föhnbedingt auf, und auch postfrontal kann man sich im Nordwesten Hoffnung auf ein paar Sonnenstrahlen machen. Im Blickpunkt des Warngeschehens bleibt zumindest anfangs der südliche bis südöstliche Wind, vornehmlich im Westen und Nordwesten, wo vermehrt Böen 78 Bft auftreten. Im Tagesverlauf nimmt der Wind dort dann von Süden her merklich ab. Ansonsten ist natürlich noch der Wind auf den Mittelgebirgen zu erwähnen sowie der Böhmische Wind in Sachsen (78 Bft, exponiert 9 Bft). König unter den "Stürmen" bleibt etwas martialisch ausgedrückt der Föhn in den Alpen, der in Kamm und Gipfellagen orkanartig ausfallen kann. Bei einer Druckdifferenz BozenInnsbruck von bis zu 10 hPa sind auch bei uns in exponierten Täler zumindest 8erBöen möglich und auch im Bereich des östlichen Bodensees kann der Föhn mal bis ganz unten durchbrechen. Mit der allgemein besseren Durchmischung steigt die Temperatur landesweit an auf 3 bis 9°C mit den höchsten Werten im Westen sowie am föhnigen Alpenrand. Hinter der Pommesbude in Herne oder WanneEickel ist mit etwas Glück sogar ´ne volle "10" möglich, während es in den Hochlagen der zentralen und östlichen Mittelgebirge bei rund 0°C oder leichtem Dauerfrost bleibt.

In der Nacht zum Samstag zieht der westliche Tiefkern zum Westeingang des Kanals, während der östliche Kern über Südengland zur Irischen See zieht. Es soll an dieser Stelle aber nicht verschwiegen werden, dass diese Version exklusiv bei ICON erscheint, wohingegen andere Modelle das Spiel mit dem doppelten Lottchen (das übrigens WENKE heißt) nur bedingt mitspielen. Entscheidend für die Wetterentwicklung vor Ort ist aber weniger die Frage ob doppelt oder einfach, sondern vielmehr die Tatsache, dass der Gradient verbreitet in die Knie geht und eine flache, möglicherweise orografisch induzierte Welle von Nord nach Süd zieht. Dabei wird die noch geringfügig nach Osten vorankommende, schlussendlich aber stationär werdende Kaltfront (sie trennt maritime Kaltluft mit T850 um 3°C im Westen von föhninfizierter milderer Luft (T850 27°C) im Osten) erneut aktiviert, sprich, auf der kalten Seite kommt es in einem von BW bis hoch zur Nordsee bzw. SH zu Niederschlägen. Die große Frage ist nun, in welcher Form fallen diese Niederschläge. Vieles spricht dafür, dass es bei starker Hebung bzw. Niederschlagsintensität und gleichzeitig fehlender Durchmischung zumindest vorübergehend mal bis in tiefe Lagen schneien kann (quasiisotherme Schichtung). Im Schwarzwald können dabei bis zu 10 cm Neuschnee fallen. Neben Schnee ist aber auch die flüssige Phase möglich, was gleich wieder die Frage nach gefrierendem Regen aufwirft. Ja, auch "rote Schlangen" sind wieder denkbar, vor allem am Ostrand des Korridors, wo niedertroposphärisch mildere Luft über der kalten Grundschicht liegt. Im Osten sowie postfrontal im Westen und Nordwesten bleibt es meist trocken, teils bildet sich Nebel. Mit Ausnahme einiger Regionen Nord und Westdeutschlands tritt leichter Frost auf. Noch mal zurück zum Wind, der ja in weiten Landesteilen komplett einschläft. Auch der Föhn bricht von Westen her zusammen. Problematisch könnte es allerdings in den östlichen und südöstlichen Mittelgebirgen werden, wo vor allem ICON recht aggressiv LowLevelEffekte simuliert. Dabei kommen Böen bis Stärke 10 Bft, vereinzelt sogar 11 Bft zustande. Muss nicht so kommen, sollte aber auch nicht völlig unter den Teppich gekehrt werden.

Samstag... verbringen wir auf der Vorderseite des mittlerweile von der Grönlandsee bis hinunter nach Nordwestafrika reichenden Langwellentrogs. Die Tiefs über UK/Irland fusionieren zu einem Exemplar, das via Kanal zur französischen Atlantikküste zieht. Derweil hat sich über dem Golf von Genua ein weiteres Tief gebildet, das mit Unterstützung der südlichen Höhenströmung sehr wasserdampfhaltige Mittelmeerluft gegen die Alpensüdseite pumpt. Dort kommt es vor allem auf österreichischer Seite zu ergiebigen Niederschlägen mit Nassschnee bis weit runter etc. Hier sind Katastrophenschlagzeilen vorprogrammiert. Bei uns verschiebt sich der Korridor mit Regen und Schneefällen etwas nach Osten, wobei heute noch keine klaren Aussagen zu der genauen räumlichen Verteilung sowie Phase und Schneefallgrenze zu treffen sind. Im gesamten Westen, in Südostbayern sowie zwischen Erzgebirge und MV bleibt es Stand heute weitgehend trocken und teils aufgelockert. Windmäßig bleibt der Böhmische Wind ein Thema.

Modellvergleich und einschätzung

Wie man unschwer den Ausführungen im Text entnehmen kann, entbehrt die Wetterlage nicht einer gewissen Brisanz, aber auch ´ner ordentlichen Portion Unsicherheit. Ist ja schön, dass der Winter ein Stelldichein gibt, aber dann soll er es doch richtigmachen mit klarer Linie. Das Geeiere mit wechselnden Schneefallgrenzen, "Phasenlotto" und zunehmend auch räumlichen Unschärfen braucht kein Mensch. Hinzu kommt dann ja auch noch das Grenzschichtgedöns mit gefrierendem Nieselregem gefrierende Nässe, Schneegriesel usw., was die Sache nicht einfacher macht. Aber was soll´s, meckern hilft nicht, man sollte sich nur bewusst sein, dass Überraschungen in den nächsten Tagen und Nächten durchaus möglich sind. Und es würde den Verfasser auch nicht wundern, wenn z.B. in der kommenden Nacht punktuell irgendwo die rote Karte wegen gefrierendem Regen gezogen wird.

Vorhersage und Beratungszentrale Offenbach Dipl. Met. Jens Hoffmann
Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

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