Thema des Tages

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20.10.2020
Klimakommunikation - Warum Wissenschaft (nicht immer) Wissen schafft
Skeptisch zu sein, ist per se keine schlechte Eigenschaft: Dinge zu hinterfragen und ihnen auf den Grund zu gehen ist vielmehr ein hohes Gut der menschlichen Vernunft und Grundlage der wissenschaftlichen Praxis. Doch was ist, wenn Skepsis in Misstrauen umschlägt und wenn das Leugnen wissenschaftlicher Erkenntnisse als "Skepsis" vermarktet wird?

Sätze wie "Das Klima hat sich schon immer geändert!", "Die Sonne wirkt sich viel stärker auf den Klimawandel aus als unser menschliches Tun!" oder "Die Wissenschaftler sind sich doch gar nicht einig!" hört man häufig von Menschen, die den Klimawandel infrage stellen. Wissenschaftliche Erkenntnisse werden von einem Teil der Bevölkerung nach wie vor zurückgewiesen (- übrigens nicht nur hinsichtlich des Klimawandels, wie die aktuellen Diskussionen beim Thema Corona-Virus zeigen). Ist das nur ein Ergebnis mangelnden Wissens und fehlender Informationen? "Nein" zeigen zahlreiche Studien und belegen, dass das "Wissensdefizit" eher eine untergeordnete Rolle spielt und die Ursache für Zurückweisung von wissenschaftlicher Evidenz vielmehr eine weltanschauliche Motivation ist: Stellen Forschungsergebnisse oder die sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen die tief verwurzelten Weltanschauungen infrage, also grundlegende Vorstellungen darüber, wie Gesellschaften organisiert werden sollten, wird eher die Forschung bestritten als die eigene Weltanschauung korrigiert.

Häufig halten dann "alternative Fakten" Einzug in Debatten. Ein grundlegendes Mittel der sogenannten Skeptiker ist dabei, eine (vermeintliche) Kontroverse zu betonen. Dabei wird das Bild einer Kontroverse auf zweierlei Weise geschürt: Zum einen diskreditieren sie etablierte Wissenschaftler, zum anderen bringen sie eigene angeblich "wissenschaftliche" Belege vor. Auch der "Rosinenpickerei" wird sich gern bedient, bei der nur passende Argumente ausgewählt werden, die aus dem Zusammenhang gerissen und alle Gegenbeweise ausblendet werden. Wie also solche "alternative Fakten" widerlegen, wenn Wissensvermittlung allein nicht ausreicht?

Ein erster wichtiger Punkt ist das Kommunizieren des bestehenden Konsenses: Denn oft wird behauptet, es gäbe große Uneinigkeit darüber, ob der Klimawandel stattfindet und ob er auch menschengemacht ist. Dabei stimmen 97 Prozent (!) der von Klimaexperten verfassten wissenschaftlichen Fachliteratur (die nach einem strengen sogenannten "Peer-Review"-Verfahren begutachtet wird) darin überein, dass hauptsächlich der Mensch die globale Erwärmung verursacht. Dieser überwältigende, erdrückende wissenschaftliche Konsens spiegelt sich jedoch nicht in der öffentlichen Wahrnehmung wider: So wissen im Durchschnitt nur 67 Prozent der US-Bevölkerung, dass sich Klimawissenschaftler darin einig sind; und nur 13 Prozent, dass der Konsens unter Wissenschaftlern bei über 90 Prozent liegt. Diese Diskrepanz zwischen dem tatsächlichen und dem wahrgenommenen wissenschaftlichen Konsens ist kurios und bedenklich - könnte aber auch eine Chance sein. Sicherlich ist das Informieren über den Konsens kein Wundermittel, jedoch könnte es manchen Menschen helfen, angemessene Schlussfolgerungen zu ziehen und der Wissenschaft mehr Vertrauen zu schenken.

Eine zweite Kommunikationsstrategie bedient sich dem "vorbeugenden Widerlegen", denn: Falsche Informationen bleiben haften. Sobald jemand eine Fehlinformation verinnerlicht hat, ist es nachweislich sehr schwer, sie zu korrigieren. Eine Irreführung kann jedoch vermieden werden, wenn Personen auf Falschinformationen aufmerksam gemacht werden, bevor diese sie erreichen. Das könnte beispielsweise so aussehen: Erstens eine Warnung aussprechen, dass es Versuche gibt, Zweifel über den wissenschaftlichen Konsens zu säen. Und zweitens eine Erläuterung ergänzen, dass es eine der Methoden zum Vortäuschen eines fehlenden Konsenses ist, eine große Gruppe "falscher Experten" auftreten zu lassen. Wenn dann jemand auf die Falschinformation stößt (der vorgetäuschte Dissens), kann diese durch die "Vorabwiderlegung" schnell verworfen werden.

Viele Menschen in Deutschland und anderen europäischen Staaten sehen zwar den Klimawandel als wichtiges Problem an, erwarten aber nur geringe Risiken für sich selbst: Der Klimawandel wird als ein Problem der fernen Zukunft oder von entfernten Orten wahrgenommen. Das zeigt die Wichtigkeit, bei der Klimakommunikation auf die persönliche Bedeutung hinzuweisen. Wenn Menschen über die emotionale Ebene berührt werden (z. B. mit Hinweisen auf die erwartete Verknappung von Schokolade oder das "Ende" des Skifahrens), sind sie häufig handlungsbereiter. Allerdings sollten dabei alarmistische Katastrophenszenarien vermieden werden, denn diese bleiben meist wirkungslos. Viele Menschen fühlen sich dann überfordert und flüchten sich in eine Abwehrreaktion: Diese kann vom Wunschdenken ("das wird schon alles nicht so schlimm") über Fatalismus ("ich kann da sowieso nichts machen") bis hin zum Wegschieben der Verantwortung ("die Wirtschaft/die Politik soll etwas tun") reichen. Diese Abwehrreaktionen können durch Überzeugung von der Wirksamkeit der eigenen Handlungsmöglichkeiten reduziert werden.

Es ist also durchaus eine Herausforderung, wissenschaftliche Erkenntnisse zu kommunizieren, oder besser gesagt: Wissenschaft so zu kommunizieren, dass sie auch "Wissen schafft"... Die eine, perfekte Kommunikationsstrategie gibt es dabei wohl nicht - und bei manchen scheint jegliche Diskussion zugegebenermaßen auch vergebene Liebesmüh. Doch vielleicht gelingt es uns und Ihnen, liebe Leserschaft des Thema des Tages, mit eigenen kleinen Beiträgen die gesellschaftliche Widerstandskraft gegen Fake News und Desinformation zu erhöhen.

Übrigens: Diese und viele weitere Aspekte zum Thema "Klimakommunikation" behandelt auch die gleichnamige Ausgabe der DWD-Fortbildungszeitschrift promet (für Druck- und Online-Version siehe Link unten). Dort sind auch die Quellen dieses Beitrags zu finden. Informationen zum Klimawandel finden Sie auf der DWD-Homepage, auf den Seiten klimafakten.de und skepticalscience.com sind gängige Falschbehauptungen von Klimaskeptikern/-leugnern, sowie deren Widerlegungen aufgeführt.

Dipl.-Met. Magdalena Bertelmann

Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 20.10.2020

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