Thema des Tages
Das Observatorium auf dem Hohen Sonnblick
Wie schon am gestrigen Dienstag entführt Sie das Thema des Tages in die Berge. Dabei gilt das Augenmerk heute dem Hohen Sonnblick (Höhe 3106 m über der Adria) in der Goldberggruppe der Hohen Tauern. Er liegt auf dem Gebiet des Raurisertals im österreichischen Bundesland Salzburg (Abbildung 1). Zusammen mit seinen Nachbargipfeln, dem 3123 m ü. A. hohen Schareck und dem 3254 m ü. A. hohen Hochgarn, dem höchsten Gipfel der Goldberggruppe, bilden sie einen Teil der Grenze des Bundeslandes Salzburg zum benachbarten Kärnten.
Wer in der Region unterwegs ist, bewegt sich im Bereich des Tauernfensters, eines geologisch außergewöhnlichen Gebiets, das von seiner westlichen Begrenzung am Brenner bis etwa ins österreichische Lungau recht und von Nord nach Süd eine Ausdehnung von etwa 30 km aufweist. Das Tauernfenster gilt als besonders mineralienreich, im Raurisertal äußert sich diese Tatsache unter anderem in nicht unerheblichen Goldvorkommen.
Bis hierhin hat das Ganze noch nicht viel mit Meteorologie zu tun. Aber bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert wurden in der meteorologischen Community die Stimmen lauter, nach der vermehrt auch in exponierten Höhenlagen Messstationen betrieben werden sollten. Diese Forderung wurde sowohl beim ersten Meteorologenkongress 1873 in Wien als auch beim zweiten Meteorologenkongress 1879 in Rom erhoben. Bei Letzterem wurde sogar die Empfehlung ausgesprochen, es möge doch - bitte schön - ein ganzes Netzwerk von Messstationen werden.
Der Vorteil von Höhenmessungen liegt dabei auf der Hand: Das Beobachtungsgebiet quasi in die dritte Dimension zu erweitern und auf diese Art und Weise Daten zu sammeln, die einen wesentlichen Baustein zum Verständnis atmosphärischer Prozesse liefern. Darüber hinaus konnten die so gewonnenen Daten verglichen werden, einerseits mit den Messungen in tieferen Lagen, andererseits aber auch mit den damals aufkommenden Drachen- und Ballonmessungen. Und, last but not least, war man getrieben von der Hoffnung auf bessere Vorhersagen. Mit anderen Worten: Man wollte den sympathischen Maiöc (https://www.dwd.de/DE/wetter/thema_des_tages/2026/6/9.html) und seine Bauernregeln gerne in Rente schicken - was aber bis heute nicht so ganz geklappt hat.
Wie auch immer, in der Folge wurde eine Reihe von Hochgebirgs-Observatorien eingerichtet. Auf dem Säntis in der Schweiz war man 1882 soweit. Auf der Zugspitze begann man im Jahr 1900 mit den Messungen, so dass der DWD im letzten Jahr das 125. Jahr der Messungen auf Deutschlands höchstem Berg feiern konnte. In Österreich suchte der später sogar geadelte Meteorologe Julius Ferdinand Hann (Abbildung 2), der damalige Direktor der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG, heute Teil von GeoSphere Austria), einen adäquaten Standort. Er landete bei seiner Suche letztendlich im Gebiet des Tauernfensters – und dort wiederum im Raurisertal.
Und das war durchaus kein Zufall. Denn die Region war für damalige Maßstäbe vergleichsweise hoch industrialisiert. Zur Blütezeit des Tauernbergbaus kamen etwa 10% des weltweiten Goldes aus der Region. Und der Bergwerksbesitzer Ignaz Rojacher (ebenfalls Abbildung 2), dem man nachsagt, er habe neben dem elektrischen Strom und dem Telefon auch die Ski (oder doch die Schi?) nach Rauris gebracht, unterstützte den Bau eines Observatoriums auf dem Hohen Sonnblick. Die Herausforderungen waren enorm, nicht nur finanziell. So mussten die Baumaterialien allesamt entweder getragen oder mit provisorischen Seilbahnen gezogen werden. Hier kam den Erbauern sicherlich das Wissen aus dem Bergbau zugute. Auch die klimatischen Bedingungen waren sehr anspruchsvoll, im vieljährigen Mittel steigt die Temperatur tagsüber nur zwischen Juni und September auf positive Werte (Abbildung 3). Wobei die Angabe der Regentage in Abbildung 3 mit Vorsicht zu genießen ist, handelt es sich dabei doch fast ausschließlich um Schneetage.
Eingeweiht wurde das Observatorium letztendlich 1886. Es ist bis heute die höchstgelegene meteorologische Beobachtungsstation Österreichs und wenig überraschend hat sie auch einige Rekorde zu bieten. So wurde z. B. am 9. Mai 1944 mit 11,9 m die höchste in Österreich je gemessene Schneedecke registriert.
Das Aufgabenfeld des Observatoriums auf dem Hohen Sonnblick hat sich im Laufe der Jahre und Jahrzehnte gewandelt bzw. wurde erweitert. Ein Schwerpunkt liegt heute auf der Klimaforschung. Die (vermutlich durchweg männlichen) Teilnehmer der ersten beiden Meteorologenkongresse hatten sicherlich das Thema Klimawandel nicht auf der Agenda und folglich war ihnen vermutlich auch nicht klar, dass der Klimawandel im Hochgebirge noch schneller voranschreitet als in tieferen Lagen.
Die Abbildung 4 zeigt dies sehr eindrücklich. Für das Zeitfenster von 1886, der Inbetriebnahme des Observatoriums am Hohen Sonnblick, bis zum Jahr 2025 zeigt sie die jährlichen Mittelwerte der Temperatur ebenso wie einen gleitenden tiefpassgefilterten Durchschnitt. Während die Mitteltemperatur auf dem Hohen Sonnblick zu Henns und Rojachers Zeiten noch bei etwa -7°C gelegen hat, nähert sie sich aktuell von unter der -3°C-Marke, was mithin einem Anstieg der Mitteltemperatur von etwa 3,5°C entspricht (HISTALP steht dabei übrigens für Historical Instrumental climatological Surface Time series of the greater ALPine region).
Diese traurige Realität kann man vom Hohen Sonnblick täglich live erleben, schließlich wartet das Gebiet neben einem beeindruckenden Panorama auch mit dem ein oder anderen größeren oder kleineren Gletscher auf. Einer davon ist das Goldbergkees, von dessen zeitlicher Entwicklung die Abbildung 5 einen Eindruck vermitteln soll. Während das obere Bild vom 8. August 2016 stammt, wurde das untere Bild am 9. August 2025 aufgenommen. Der Masseverlust des Goldbergkees ist dabei deutlich zu erkennen.
Dipl.-Met. Martin Jonas Deutscher Wetterdienst Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 10.06.2026
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