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23.08.2026
Mögliche Auswirkungen eines starken El-Niño auf Europa?
Ungewöhnlich hohe Wassertemperaturen im östlichen Pazifik vor der Küste Südamerikas und gleichzeitig deutlich niedrigere Wassertemperaturen im westlichen Pazifik verändern das Wettergeschehen in diesen Regionen erheblich. Während es in Südamerika selbst in sonst trockenen Gebieten zu kräftigen Niederschlägen kommen kann, herrscht in Teilen Südostasiens häufig schwere Dürre. Diese veränderten Niederschlagsmuster haben nicht nur weitreichende ökologische und wirtschaftliche Konsequenzen für die betroffenen Regionen, sondern beeinflussen auch die großräumige atmosphärische Zirkulation.

Während eines starken El Niño bilden sich über dem zentralen und östlichen Pazifik vermehrt hochreichende Gewitterwolken. Dabei werden beim Kondensationsprozess große Mengen latenter Wärme in die Atmosphäre freigesetzt. Diese zusätzliche Wärme beeinflusst die tropische Zirkulation und kann über die Hadley-Zirkulation auch die atmosphärische Dynamik in höheren Breiten modifizieren. Dadurch können sich die großräumigen Zirkulationsmuster und in der Folge auch die Lage und Stärke des Jetstreams verändern. Insbesondere im Winterhalbjahr kann dies Auswirkungen auf das Wettergeschehen in Europa haben.

Je stärker ein El-Niño-Ereignis ausgeprägt ist, desto größer kann grundsätzlich die Wahrscheinlichkeit sein, dass solche Wechselwirkungen auftreten. Der Zusammenhang ist allerdings nicht linear und von Ereignis zu Ereignis unterschiedlich.

Diese Grafik zeigt die relative Meeresoberflächentemperatur im Pazifik im Vergleich zur Referenzperiode von 1991-2020 für Juli 2026.   (Quelle NOAA)

Deshalb lohnt sich derzeit ein Blick auf den Pazifik. Dort könnte sich mit hoher Wahrscheinlichkeit eines der stärksten El-Niño-Ereignisse seit Beginn der Aufzeichnungen herausbilden. Die Entwicklung ist bereits deutlich erkennbar. Über dem zentralen und östlichen Pazifik lagen die Meeresoberflächentemperaturen im Juli deutlich über dem Klimamittel. Vor der Küste Perus wurden teilweise Anomalien von mehr als 3 °C gegenüber der Referenzperiode 1991–2020 registriert. Gleichzeitig wurde über Südostasien eine deutlich unterdrückte Konvektion beobachtet. Über dem zentralen Pazifik kam es dagegen bereits zu häufiger und stärker ausgeprägter Konvektion, die sich unter anderem auch auf die Wetterbedingungen rund um die Urlaubsinsel Hawaii auswirkte.

Diese Grafik zeigt die Vorhersage des Relativen Ozeanischen Nino Indexes inklusive Unsicherheitsbereich. (Quelle NOAA)

Die El-Niño-Bedingungen werden sich im weiteren Verlauf des Spätsommers und Herbstes noch verstärken. Nach den aktuellen Prognosen wird das Ereignis seinen Höhepunkt voraussichtlich im Spätherbst beziehungsweise Frühwinter erreichen. Bei den bisher stärksten Ereignissen 1997/98 und 2015/16 lag der Relative Oceanic Niño Index (RONI) bei etwa +2,4 °C. Der RONI beschreibt, wie stark die Meeresoberflächentemperaturen im zentralen tropischen Pazifik im Verhältnis zu den Temperaturen des übrigen tropischen Ozeans vom Normalzustand abweichen.

Die aktuellen Prognosen deuten darauf hin, dass dieser Wert im kommenden Winter überschritten werden könnte. Sollte dies eintreten, könnte sich 2026/27 als eines der stärksten El-Niño-Ereignisse seit Beginn der Aufzeichnungen herausstellen.

Die Auswirkungen eines starken El Niño sind in vielen Teilen der Welt deutlich ausgeprägter als in Europa. Besonders betroffen können unter anderem Teile Amerikas, Australiens, Asiens und Afrikas sein. Für Europa sind die Signale dagegen wesentlich schwächer und treten vor allem indirekt über Veränderungen der großräumigen atmosphärischen Zirkulation auf.

Studien zeigen, dass ein starkes El-Niño-Ereignis im Verlauf des Winters die Wahrscheinlichkeit für Veränderungen des stratosphärischen Polarwirbels erhöhen kann. Bei vergangenen El-Niño-Ereignissen trat zudem häufiger eine negative Phase der Nordatlantischen Oszillation (NAO) auf. Eine negative NAO kann die Voraussetzungen für Kaltlufteinbrüche nach Europa begünstigen.

Allerdings wäre es falsch, daraus unmittelbar auf einen kalten europäischen Winter zu schließen. Die Reaktion der Atmosphäre unterscheidet sich signifikant zwischen einzelnen El-Niño-Ereignissen. Ob es tatsächlich zu einer ausgeprägten Störung des Polarwirbels kommt, hängt von einer Vielzahl weiterer Faktoren ab. Dazu gehören beispielsweise die Quasi-Biennale- Oszillation (QBO), die arktische Meereisbedeckung, die solare Aktivität sowie die regionalen Meeresoberflächentemperaturen im Atlantik.

Damit lässt sich aus einem starken El Niño allein kein kalter Winter in Europa ableiten!

Interessanterweise zeigen Beobachtungen vergangener El-Niño-Ereignisse im Frühwinter sogar häufig eine andere Tendenz: In weiten Teilen Mittel- und Westeuropas kann zunächst mildes und niederschlagsreiches Wetter vorherrschen. Ursache ist eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für eine ausgeprägte Westwindzirkulation, die durch tiefen Luftdruck im Bereich Islands und höheren Luftdrucks über den Azoren begünstigt wird. Dadurch gelangt vergleichsweise milde und feuchte Atlantikluft nach Europa. Dieser Effekt ist insbesondere in Westeuropa ausgeprägt.

Diese Grafik zeigt die mittlere Druckkonstellation über Europa während eines El/La Nino Ereignisses.  (Quelle ECMWF)

Allerdings zeigt die Statistik, dass auch dies nicht bei jedem El Nino Ereignis auftritt. Jedes Ereignis hat eine etwas andere Ausdehnung und Intensität, die einen konträren Einfluss auf die im Winterhalbjahr vorherrschenden Wetterlagen in Europa nehmen kann. Darüber hinaus spielt auch der klimatologische Grundzustand eine wichtige Rolle. Veränderungen der mittleren Meeresoberflächentemperaturen und der großräumigen atmosphärischen Zirkulation können beeinflussen, wie sich die durch El Niño angeregten atmosphärischen Wellen ausbreiten und wo sie ihre Wirkung entfalten. Dadurch kann sich der Einfluss auf Europa von einem ähnlich starken El-Niño-Ereignis von Jahrzehnt zu Jahrzehnt unterscheiden.

El Niño kann damit auch in Europa die Wahrscheinlichkeit bestimmter Wetterlagen verändern – wie sich das Signal letztlich auswirkt, hängt jedoch nicht nur von der Stärke und Ausdehnung des Ereignisses ab, sondern auch von den großräumigen Wetter- und Meeresbedingungen, die zu diesem Zeitpunkt vorherrschen und aktuell noch nicht adäquat prognostizierbar sind.

M.Sc. Meteorologe Nico Bauer
Deutscher Wetterdienst
Vorhersage- und Beratungszentrale Offenbach, den 23.08.2026 Copyright (c) Deutscher Wetterdienst

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